Öffnet in einem neuen Tab

Wenn fünf Prozent plötzlich wieder attraktiv sind

Mehr als fünf Prozent Rendite mit einer US-Staatsanleihe. Noch vor wenigen Jahren hätte das für viele Anleger ungewöhnlich geklungen, aber inzwischen ist es Realität.

Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist zuletzt auf mehr als 5,3 Prozent gestiegen und erreichte zwischenzeitlich rund 5,36 Prozent. Das war der höchste Stand seit 2002. Auch bei dreissigjährigen US-Staatsanleihen liegen die Renditen inzwischen deutlich über fünf Prozent.

In Grossbritannien erreichte die Rendite dreissigjähriger Staatsanleihen sogar den höchsten Stand seit rund 28 Jahren. Damit hat sich die Ausgangslage für Anleger grundlegend verändert, denn über viele Jahre war die zentrale Frage, wie überhaupt noch eine vernünftige Rendite erzielt werden kann. Heute stellt sich zunehmend die Frage, wie viel zusätzliches Risiko ein Anleger eingehen muss, wenn vergleichsweise sichere Staatsanleihen bereits mehr als fünf Prozent Rendite bieten.

Grafik eines Auges im Corporate Design von W&L Asset Management als Symbol für den Finanzblog "Marktblick"

Anleihen sind wieder eine echte Alternative

Während der Nullzinsphase war die Ausgangslage relativ eindeutig. Staatsanleihen boten kaum laufende Erträge, teilweise lagen die Renditen sogar im negativen Bereich. Wer langfristig eine höhere Rendite erzielen wollte, musste deshalb zwangsläufig stärker auf Aktien, Immobilien oder andere risikoreichere Anlageklassen ausweichen.

Diese Situation hat sich inzwischen grundlegend verändert. Staatsanleihen liefern wieder einen laufenden Ertrag, der auch im Vergleich mit anderen Anlageklassen relevant ist. Eine Rendite von fünf Prozent erscheint auf den ersten Blick vielleicht nicht spektakulär, über einen längeren Zeitraum entfaltet sie jedoch eine erhebliche Wirkung.

Damit ist eine Anlageklasse zurückgekehrt, die über Jahre vor allem der Stabilisierung eines Portfolios diente, nun aber wieder einen nennenswerten Beitrag zur Gesamtrendite leisten kann.

Das verändert auch die Vermögensaufteilung. Anleger müssen nicht mehr zwangsläufig immer höhere Risiken eingehen, um überhaupt eine vernünftige Rendite erwarten zu können.

Hohe Renditen haben eine Kehrseite

Der starke Anstieg der Renditen bedeutet allerdings nicht, dass Anleihen zuletzt besonders gut gelaufen wären. Im Gegenteil: Steigende Renditen gehen grundsätzlich mit fallenden Anleihekursen einher.

Wer heute eine neu ausgegebene Staatsanleihe mit mehr als fünf Prozent Rendite kauft, trifft auf deutlich attraktivere Konditionen als noch vor einigen Jahren. Besitzer älterer Anleihen mussten dagegen zum Teil erhebliche Kursverluste hinnehmen.

Der Grund dafür ist einfach: Eine ältere Anleihe mit einem niedrigen Kupon wird weniger attraktiv, sobald neu ausgegebene Papiere deutlich höhere Renditen bieten. Damit sie für einen Käufer wieder interessant wird, muss ihr Marktpreis entsprechend fallen.

Genau dieser Mechanismus hat den Anleihemarkt zuletzt geprägt.

Höhere Renditen sind deshalb gleichzeitig eine Chance für neue Investitionen und die Folge erheblicher Verluste bei bereits bestehenden Anleihepositionen.

Die Laufzeit macht einen grossen Unterschied

Besonders wichtig ist dabei die Laufzeit einer Anleihe, denn je länger Kapital gebunden ist, desto stärker reagiert der Kurs in der Regel auf Veränderungen des allgemeinen Zinsniveaus. Bei einer Anleihe, die bereits in wenigen Monaten zurückgezahlt wird, ist dieser Effekt begrenzt. Bei einer Laufzeit von zehn, zwanzig oder dreissig Jahren kann er dagegen erheblich sein.

Genau deshalb verzeichneten langlaufende Staatsanleihen während des jüngsten Zinsanstiegs besonders starke Kursverluste.

Die sogenannte Duration beschreibt diese Zinssensitivität. Für Anleger bedeutet das, dass eine Staatsanleihe nicht automatisch risikoarm ist, nur weil der Schuldner als sehr sicher gilt.

Das Ausfallrisiko einer US-Staatsanleihe mag gering sein. Das Kursrisiko einer dreissigjährigen Anleihe kann trotzdem beträchtlich sein.

Wer eine solche Anleihe bis zur Fälligkeit hält, erhält grundsätzlich die vereinbarten Zahlungen. Wer sie vorher verkaufen muss oder möchte, ist dagegen vom aktuellen Marktniveau abhängig.

Warum die Renditen so stark steigen

Hinter dem jüngsten Renditeanstieg stehen mehrere Faktoren. Ein wesentlicher Punkt bleibt die Inflation. Höhere Energiepreise haben die Sorge verstärkt, dass der Preisdruck länger anhalten könnte. Solange die Inflation nicht nachhaltig in Richtung der Zielwerte der Notenbanken zurückkehrt, bleibt auch der Spielraum für deutlich niedrigere Zinsen begrenzt.

Hinzu kommt die Fiskalpolitik, insbesondere die USA müssen hohe Haushaltsdefizite finanzieren und dafür grosse Mengen neuer Staatsanleihen am Markt platzieren. Je mehr Anleihen ausgegeben werden, desto mehr Kapital muss von Investoren aufgenommen werden.

Steigt das Angebot deutlich, verlangen Anleger entsprechend attraktive Konditionen.

Gerade bei langen Laufzeiten kommt deshalb zunehmend eine zusätzliche Frage hinzu: Welche Rendite ist notwendig, damit Anleger bereit sind, ihr Kapital für zehn, zwanzig oder sogar dreissig Jahre zu binden?

Der aktuelle Renditeanstieg ist damit nicht nur Ausdruck höherer Leitzinsen. Er zeigt auch, dass Investoren für langfristige Risiken wieder eine höhere Entschädigung verlangen.

Fünf Prozent verändern auch die Rechnung bei Aktien

Die Entwicklung am Anleihemarkt betrifft deshalb nicht nur Anleiheinvestoren. Sie verändert auch die relative Attraktivität von Aktien.

Wenn eine Staatsanleihe lediglich ein oder zwei Prozent Rendite bietet, fällt die Entscheidung zugunsten von Aktien vergleichsweise leicht. Anleger akzeptieren höhere Kursschwankungen, weil die Renditedifferenz entsprechend gross ist.

Bei Staatsanleiherenditen von mehr als fünf Prozent sieht die Rechnung anders aus. Eine Aktie muss dann einen ausreichend hohen zusätzlichen Ertrag erwarten lassen, um das deutlich höhere Risiko zu rechtfertigen. Denn während die Zahlungsströme einer Staatsanleihe weitgehend feststehen, hängen die Erträge einer Aktie von der Entwicklung eines Unternehmens ab. Gewinne können enttäuschen, Margen können unter Druck geraten, Dividenden können gekürzt werden und Bewertungen können fallen.

Je höher die Rendite vermeintlich sicherer Anlagen steigt, desto höher wird damit auch die Messlatte für Aktien.

Aktien müssen deshalb nicht automatisch fallen

Trotzdem wäre es zu einfach, aus steigenden Anleiherenditen unmittelbar fallende Aktienkurse abzuleiten. Entscheidend ist, warum die Renditen steigen und wie sich gleichzeitig die Unternehmensgewinne entwickeln.

Steigen die Zinsen in einem Umfeld mit robuster Konjunktur und kräftigem Gewinnwachstum, können Aktien höhere Renditen durchaus verkraften. Genau das war zuletzt teilweise zu beobachten.

Problematischer wäre eine Kombination aus dauerhaft hohen Anleiherenditen und gleichzeitig deutlich schwächerem Gewinnwachstum. Dann würde sich das Umfeld von zwei Seiten verschlechtern: Anleihen würden als Alternative attraktiver, während gleichzeitig die fundamentale Unterstützung für Aktien nachlassen würde.

Genau deshalb ist die Entwicklung am Anleihemarkt auch für reine Aktienanleger relevant. Die Rendite von Staatsanleihen bildet letztlich einen wichtigen Referenzpunkt für die Bewertung nahezu aller anderen Anlageklassen.

Entscheidend ist die reale Rendite

Bei aller Aufmerksamkeit für die Marke von fünf Prozent darf allerdings nicht vergessen werden, dass es sich um eine nominale Rendite handelt. 

Für Anleger ist langfristig entscheidend, welcher Ertrag nach Inflation übrig bleibt. Liegt die Inflation beispielsweise bei drei Prozent, entspricht eine nominale Rendite von fünf Prozent vereinfacht einer realen Rendite von rund zwei Prozent. Liegt die Inflation dagegen ebenfalls bei fünf Prozent, entsteht kaum zusätzlicher Kaufkraftgewinn. Gerade bei langen Laufzeiten spielt diese Unsicherheit eine wichtige Rolle.

Wer heute eine zehn- oder dreissigjährige Anleihe kauft, kennt die durchschnittliche Inflationsrate der kommenden Jahrzehnte nicht. Eine auf den ersten Blick hohe Rendite muss deshalb immer im Verhältnis zur erwarteten Inflation betrachtet werden.

Das unterscheidet die heutige Situation auch von früheren Hochzinsphasen. Entscheidend ist nicht allein, wie hoch die nominale Rendite ausfällt, sondern welcher reale Ertrag daraus entsteht.

Für europäische Anleger kommt die Währung hinzu

Bei US-Staatsanleihen spielt für Anleger aus dem Euroraum zudem der Wechselkurs eine wichtige Rolle. Zinsen und Rückzahlung erfolgen in US-Dollar. Damit kommt zur Entwicklung der Anleihe selbst noch das Währungsrisiko hinzu.

Ein stärkerer Dollar kann die Rendite aus Sicht eines Euro-Anlegers erhöhen. Eine deutliche Abwertung des Dollars kann dagegen einen Teil oder im Extremfall sogar die gesamte laufende Rendite wieder aufzehren.

Eine US-Staatsanleihe mit fünf Prozent Rendite ist für einen europäischen Anleger deshalb nicht mit einer sicheren Euro-Rendite von fünf Prozent gleichzusetzen. Wer das Währungsrisiko absichert, reduziert diese Unsicherheit, trägt dafür aber zusätzliche Absicherungskosten.

Auch deshalb lohnt sich bei internationalen Anleihen der Blick auf die Gesamtrendite und nicht nur auf die ausgewiesene Verzinsung.

Was sich gegenüber der Nullzinsphase verändert hat

Trotz dieser Einschränkungen bleibt die Veränderung am Anleihemarkt bemerkenswert. Während der Nullzinsphase war der defensive Teil vieler Portfolios mit einem grundlegenden Problem konfrontiert: Er konnte zwar zur Stabilisierung beitragen, erwirtschaftete aber kaum noch laufenden Ertrag.

Heute können Anleihen wieder beide Funktionen übernehmen. Sie liefern laufende Erträge und können gleichzeitig zur Diversifikation eines Portfolios beitragen.

Damit gewinnt auch die Wahl der Laufzeit wieder an Bedeutung. Kurze Laufzeiten reduzieren die Sensitivität gegenüber weiteren Zinsanstiegen. Längere Laufzeiten bieten dagegen die Möglichkeit stärkerer Kursgewinne, falls die Renditen künftig wieder sinken. Dafür müssen Anleger ein entsprechend höheres Zinsänderungsrisiko akzeptieren.

Anleihen sind damit wieder zu einer echten Anlageentscheidung geworden und nicht nur zu einem defensiven Baustein, den man aus Gründen der Risikostreuung im Portfolio hält.

Was bedeutet das für Anleger?

Die Rückkehr höherer Anleiherenditen bedeutet nicht, dass Aktien plötzlich unattraktiv geworden sind, aber die Ausgangslage hat sich verändert.

Über viele Jahre wurde häufig von TINA gesprochen – „There Is No Alternative“. Gemeint war, dass Anleger aufgrund extrem niedriger Zinsen praktisch keine Alternative zu Aktien hatten, wenn sie eine vernünftige langfristige Rendite erzielen wollten. Diese Alternativlosigkeit besteht heute nicht mehr.

Damit gewinnen die klassischen Fragen der Vermögensaufteilung wieder an Bedeutung. Zum Beispiel: Welcher Anteil eines Portfolios soll in Aktien investiert sein? Wie hoch sollte der Anleiheanteil sein? Welche Laufzeiten sind sinnvoll? Wie viel Liquidität ist notwendig? Welche Rolle spielen Inflation und Währung? Und wie viel zusätzliches Risiko soll für eine höhere erwartete Rendite überhaupt eingegangen werden?

Gerade weil Anleihen wieder einen relevanten laufenden Ertrag bieten, müssen diese Entscheidungen heute neu bewertet werden. Es geht damit weniger darum, eine Anlageklasse grundsätzlich zu bevorzugen. Entscheidend ist vielmehr, wie Aktien, Anleihen und Liquidität innerhalb eines Portfolios sinnvoll zusammenspielen.

Genau diese Abwägung war über viele Jahre deutlich weniger relevant als heute.

Fazit

Mehr als fünf Prozent Rendite bei US-Staatsanleihen sind deshalb weit mehr als nur eine interessante Zahl. Die zehnjährige US-Staatsanleihe bietet inzwischen die höchste Rendite seit mehr als zwei Jahrzehnten. Auch in anderen grossen Anleihemärkten sind langfristige Renditen auf Niveaus gestiegen, die seit vielen Jahren nicht mehr erreicht wurden.

Für Anleger eröffnet das neue Möglichkeiten.
Gleichzeitig zeigt der jüngste Anleiheabverkauf, dass höhere Renditen nicht ohne Risiken entstehen. Insbesondere bei langen Laufzeiten können bereits vergleichsweise kleine Veränderungen des Zinsniveaus erhebliche Kursbewegungen auslösen.
Entscheidend sind deshalb nicht nur die fünf Prozent auf dem Papier.

Inflation, Laufzeit und bei internationalen Anlagen auch die Währung bestimmen mit, welcher Ertrag am Ende tatsächlich beim Anleger ankommt.

Die vielleicht wichtigste Veränderung betrifft jedoch das gesamte Anlageumfeld. Wenn Staatsanleihen kaum Rendite bieten, müssen Anleger für Ertrag zwangsläufig höhere Risiken eingehen. Wenn sie dagegen wieder mehr als fünf Prozent bieten, verändert sich diese Rechnung.
Aktien werden dadurch nicht automatisch unattraktiv, aber sie haben wieder Konkurrenz. Damit stellt sich nach vielen Jahren erneut die klassische Frage: Wie viel Rendite bekomme ich – und welches Risiko muss ich dafür eingehen?

Hinweis: Die hier dargestellten Inhalte dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar.

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