Was bedeutet eine Bewertungskorrektur?
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV, setzt den Aktienkurs eines Unternehmens ins Verhältnis zu seinem Gewinn.
Eine Aktie kostet zum Beispiel 100 Euro und erwirtschaftet einen Gewinn von 4 Euro je Aktie. Das KGV beträgt damit 25. Steigt der Gewinn im folgenden Jahr auf 5 Euro, während der Aktienkurs weiterhin bei 100 Euro liegt, sinkt das KGV auf 20. Der Aktienkurs hat sich nicht verändert. Die Bewertung ist trotzdem um 20 Prozent zurückgegangen und genau das ist der entscheidende Punkt.
Eine hohe Bewertung kann sich grundsätzlich auf zwei Arten reduzieren: Entweder der Kurs fällt oder der Gewinn steigt.
Für langfristige Anleger ist die zweite Variante naturgemäß angenehmer.
Die Gewinne liefern derzeit Unterstützung
Die Entwicklung der Unternehmensgewinne war zuletzt bemerkenswert robust.
In der Berichtssaison für das zweite Quartal lagen die Gewinne vieler Unternehmen deutlich über den zuvor erwarteten Werten. Ende Juli hatten 86 Prozent der bis dahin berichtenden Unternehmen im S&P 500 die Gewinnschätzungen der Analysten übertroffen. Die Gewinnentwicklung lag damit deutlich über den historischen Durchschnittswerten.
Noch interessanter ist der Blick nach vorne. Normalerweise reduzieren Analysten ihre Gewinnschätzungen im Verlauf eines Quartals. In den vergangenen fünf Jahren wurden die erwarteten Gewinne für ein Quartal während der ersten beiden Monate durchschnittlich um rund 1,7 Prozent nach unten korrigiert. Doch diesmal geschah das Gegenteil, denn zwischen Ende Juni und Ende August stiegen die Gewinnschätzungen für das dritte Quartal im S&P 500 um 1,2 Prozent. Es war bereits das zweite Quartal in Folge, in dem die Analysten ihre Erwartungen zu diesem Zeitpunkt anhoben. Das ist deshalb relevant, weil Aktienkurse langfristig vor allem durch die Entwicklung der Unternehmensgewinne getragen werden.
Kurse und Gewinne müssen langfristig zusammenpassen
An der Börse können sich Kurse und Gewinne über längere Zeit unterschiedlich entwickeln.
In euphorischen Marktphasen steigen die Kurse häufig deutlich schneller als die Unternehmensgewinne. Die Folge sind steigende Bewertungen. Umgekehrt können Aktienkurse stagnieren, obwohl Unternehmen ihre Gewinne weiter erhöhen. Dann sinkt die Bewertung automatisch.
Genau deshalb kann eine Seitwärtsbewegung an der Börse durchaus gesund sein. Denn nach starken Kursanstiegen muss ein Markt nicht zwangsläufig um 20 oder 30 Prozent fallen, um wieder vernünftiger bewertet zu sein. Wenn die Gewinne ausreichend wachsen, kann auch die Zeit einen Teil dieser Anpassung übernehmen. Der Markt wartet gewissermaßen darauf, dass die Unternehmen in ihre Bewertung hineinwachsen.
Günstig ist der Markt deshalb noch nicht automatisch
Trotzdem wäre es falsch, aus der gesunkenen Bewertung bereits einen günstigen Aktienmarkt abzuleiten. Ein erwartetes KGV von rund 19 liegt zwar deutlich unter den Höchstständen der vergangenen Monate, aber weiterhin ungefähr im Bereich der längerfristigen Durchschnittswerte der vergangenen Jahre. Ende Juli lag das erwartete KGV des S&P 500 beispielsweise bei 19,6. Der Fünfjahresdurchschnitt lag damals bei 19,9 und der Zehnjahresdurchschnitt bei rund 19. Die Bewertung hat sich damit verbessert.
Von einem ausgesprochen niedrigen Bewertungsniveau kann allerdings nicht gesprochen werden. Hinzu kommt, dass ein Index nur einen Durchschnitt darstellt. Innerhalb des Aktienmarktes bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede. Manche Unternehmen werden aufgrund hoher Wachstumserwartungen mit sehr hohen Multiplikatoren bewertet. Andere Unternehmen werden trotz solider Geschäftsmodelle und stabiler Cashflows deutlich niedriger bewertet. Gerade deshalb lohnt sich der Blick unter die Oberfläche des Index.
Entscheidend sind jetzt die Gewinnerwartungen
Die derzeitige Bewertungskorrektur funktioniert nur unter der wichtigen Voraussetzung, dass die Unternehmensgewinne tatsächlich weiter wachsen. Denn das erwartete KGV basiert nicht auf bereits erzielten Gewinnen, sondern auf Schätzungen für die Zukunft. Werden diese Gewinnerwartungen nach unten korrigiert, kann sich die Rechnung schnell verändern.
Ein Unternehmen mit einem Kurs von 100 Euro und einem erwarteten Gewinn von 5 Euro erscheint mit einem KGV von 20 zunächst vernünftig bewertet. Fällt der tatsächlich erzielbare Gewinn jedoch auf 4 Euro, liegt das KGV bei gleichem Aktienkurs plötzlich wieder bei 25.
Deshalb sind steigende Gewinnschätzungen aktuell mindestens genauso wichtig wie die Entwicklung der Aktienkurse.
Genau hier liegen auch die Risiken
Das wirtschaftliche Umfeld bleibt anspruchsvoll, denn höhere Zinsen erhöhen die Finanzierungskosten. Steigende Energiepreise können die Margen belasten. Gleichzeitig kann eine schwächere Konjunktur die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen reduzieren. Bislang konnten viele Unternehmen diese Belastungen erstaunlich gut auffangen. Die Frage für die kommenden Quartale wird sein, ob das so bleibt.
Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht, stabilen Margen und soliden Bilanzen verfügen dabei grundsätzlich über bessere Voraussetzungen als stark verschuldete Unternehmen oder Geschäftsmodelle, deren Gewinne stark von der Konjunktur abhängen.
Damit rückt die Qualität der Gewinne stärker in den Mittelpunkt, denn nicht jeder Gewinnanstieg ist gleich viel wert. Ein einmaliger Sondereffekt ist etwas anderes als dauerhaft steigende operative Gewinne. Ebenso wichtig ist die Frage, ob aus den ausgewiesenen Gewinnen tatsächlich Cashflow entsteht.
Was bedeutet das für Anleger?
Für Anleger lohnt es sich deshalb derzeit, nicht nur auf die tägliche Kursentwicklung zu schauen. Ein seitwärts laufender Aktienmarkt kann auf den ersten Blick langweilig wirken. Gleichzeitig kann sich unter der Oberfläche einiges verändern. Steigen die Gewinne bei gleichbleibenden Kursen, verbessern sich die Bewertungen. Damit entsteht etwas, das man als eine Korrektur über die Zeit bezeichnen könnte.
Für die Beurteilung einzelner Unternehmen bleiben deshalb vor allem die Entwicklung von Umsatz und Gewinn, die Stabilität der Margen, die Höhe der Verschuldung und der freie Cashflow entscheidend. Hinzu kommt die Frage, welche Erwartungen bereits im Aktienkurs enthalten sind. Denn eine gute Firma ist nicht automatisch eine gute Aktie, wenn bereits sehr hohe Erwartungen eingepreist sind.
Umgekehrt kann ein Unternehmen mit stabilen Gewinnen bei einer vernünftigen Bewertung zunehmend interessant werden, auch wenn sich sein Aktienkurs über längere Zeit kaum bewegt.
Fazit
Eine Börsenkorrektur muss nicht immer mit stark fallenden Kursen einhergehen, denn manchmal übernimmt die Zeit einen Teil der Arbeit.
Wenn Aktienkurse stagnieren, während die Unternehmensgewinne weiter wachsen, sinken die Bewertungen automatisch. Genau diese Entwicklung lässt sich derzeit in Teilen des US-Aktienmarktes beobachten. Der S&P 500 ist dadurch heute niedriger bewertet als noch vor einigen Monaten, obwohl es keinen klassischen Börseneinbruch gegeben hat.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Aktien plötzlich günstig sind. Entscheidend ist vielmehr, ob die Unternehmensgewinne mit den weiterhin anspruchsvollen Bewertungen Schritt halten können.
Für Anleger verschiebt sich damit der Fokus. Weniger entscheidend ist die Frage, ob der nächste Rückgang fünf oder zehn Prozent beträgt. Wichtiger ist, welche Unternehmen ihre Gewinne tatsächlich steigern können und zu welchem Preis diese Gewinne an der Börse gekauft werden. Denn Bewertungen können auf zwei Arten fallen: durch niedrigere Kurse oder durch höhere Gewinne.
Derzeit übernimmt zumindest teilweise der Gewinn die Arbeit.
Hinweis: Die hier dargestellten Inhalte dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar.
