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Warum Gold fällt, obwohl die Unsicherheit steigt

Gold gilt traditionell als sicherer Hafen. Wenn geopolitische Risiken zunehmen, die Inflation steigt oder Anleger unsicherer werden, sollte der Goldpreis eigentlich profitieren.

Doch derzeit passiert das Gegenteil. Der Goldpreis hat in dieser Woche mehr als zwei Prozent verloren, gleichzeitig bleibt die geopolitische Unsicherheit hoch und auch die Inflationsrisiken sind keineswegs verschwunden.

Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen. Der Grund liegt darin, dass der Goldpreis nicht nur von Unsicherheit beeinflusst wird. Mindestens genauso wichtig sind das Zinsniveau, die Entwicklung des US-Dollars und die Frage, welche Alternativen Anleger für ihr Kapital haben. Genau dieses Zusammenspiel belastet Gold derzeit.

Grafik eines Auges im Corporate Design von W&L Asset Management als Symbol für den Finanzblog "Marktblick"

Gold ist mehr als nur ein Krisenmetall

Die vereinfachte Vorstellung lautet häufig: Unsicherheit steigt → Gold steigt.

Grundsätzlich steckt darin ein richtiger Gedanke. Gold wird seit Jahrhunderten als Wertaufbewahrungsmittel genutzt und kann in Phasen großer politischer oder wirtschaftlicher Unsicherheit zusätzliche Nachfrage erfahren. Aber dieser Zusammenhang funktioniert nicht isoliert.

Der World Gold Council unterscheidet im Wesentlichen vier wichtige Einflussfaktoren auf den Goldpreis: wirtschaftliche Entwicklung, Risiko und Unsicherheit, Opportunitätskosten sowie kurzfristige Kapitalströme und Momentum.

Damit können verschiedene Faktoren gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen wirken und genau das erleben wir derzeit.

Die Unsicherheit spricht grundsätzlich für Gold, aber das Zinsumfeld und der stärkere US-Dollar sprechen momentan dagegen.

Warum hohe Zinsen Gold belasten

 

Gold besitzt eine Besonderheit: Es erwirtschaftet keinen laufenden Ertrag.
Eine Anleihe zahlt Zinsen. Eine Aktie kann Dividenden ausschütten und Unternehmensgewinne erwirtschaften. Gold selbst produziert dagegen keinen Cashflow.

Das spielt bei niedrigen Zinsen nur eine begrenzte Rolle, weil wenn sichere Staatsanleihen kaum Rendite bieten, sind die Opportunitätskosten einer Goldanlage gering.

Das verändert sich jedoch, sobald die Zinsen deutlich steigen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen hat zuletzt die Marke von fünf Prozent überschritten. Damit können Anleger mit US-Staatsanleihen wieder laufende Renditen erzielen, die über viele Jahre kaum vorstellbar waren.

Für Gold entsteht dadurch Konkurrenz und ein Anleger muss sich vereinfacht entscheiden:
Soll Kapital in einem Vermögenswert liegen, der keine laufenden Erträge erwirtschaftet?
Oder in einer Staatsanleihe, die derzeit mehr als fünf Prozent Rendite bietet?

Je höher die Verzinsung sicherer Anlagen ausfällt, desto höher werden damit die Opportunitätskosten von Gold.

Die Erwartungen an die Notenbank haben sich verändert

Hinzu kommt die amerikanische Geldpolitik. Die US-Notenbank hat die Zinsen zuletzt angehoben und signalisiert, dass weitere Zinsschritte notwendig werden könnten, falls der Inflationsdruck anhält.

An den Finanzmärkten wurde Ende dieser Woche bereits wieder mit einer hohen Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung im Oktober gerechnet.

Für Gold ist diese Entwicklung aus zwei Gründen relevant. Erstens steigen dadurch die Renditen von verzinslichen Anlagen und zweitens stärkt eine restriktivere Geldpolitik häufig den US-Dollar. Genau dieser zweite Effekt spielt für Gold eine wichtige Rolle.

Warum der US-Dollar für Gold so wichtig ist

Gold wird international überwiegend in US-Dollar gehandelt. Steigt der Dollar, wird Gold für Anleger außerhalb des Dollarraums automatisch teurer.

Ein europäischer Anleger muss beispielsweise zunächst Euro in Dollar tauschen, bevor er ein in Dollar notiertes Goldinvestment tätigt. Wertet der Dollar auf, kostet dieselbe Menge Gold aus Sicht eines Nicht-Dollar-Anlegers entsprechend mehr.

In dieser Woche hat der US-Dollar zugelegt. Gleichzeitig sind die Renditen amerikanischer Staatsanleihen gestiegen. Beide Entwicklungen haben den Goldpreis belastet.

Damit entsteht derzeit eine einfache Kette:

Zinserwartungen steigen → Anleiherenditen steigen → US-Dollar wird stärker → Gold gerät unter Druck

Das bedeutet allerdings nicht, dass dieser Zusammenhang immer gleich stark funktioniert, denn wie bei nahezu allen Kapitalanlagen können sich die Einflussfaktoren im Laufe der Zeit verändern.

Warum Inflation Gold nicht automatisch steigen lässt

Besonders interessant ist der Zusammenhang zwischen Gold und Inflation. Gold wird häufig als Inflationsschutz bezeichnet und daraus wird manchmal abgeleitet, dass steigende Inflation automatisch zu steigenden Goldpreisen führen müsste.

So einfach funktioniert es jedoch nicht. Entscheidend ist, wie die Notenbanken auf die Inflation reagieren, weil wenn die Inflation steigt und die Zinsen niedrig bleiben, kann Gold attraktiv werden. Anleger suchen dann nach Möglichkeiten, ihre Kaufkraft zu erhalten.

Steigt die Inflation jedoch und reagieren die Notenbanken gleichzeitig mit deutlich höheren Zinsen, verändert sich die Situation, weil dann steigen die Renditen verzinslicher Anlagen.

Genau deshalb kann ein Inflationsanstieg paradoxerweise kurzfristig sogar negativ für Gold sein. Nicht weil Inflation grundsätzlich schlecht für Gold wäre, sondern weil die geldpolitische Reaktion darauf die Opportunitätskosten erhöht.

Auch die aktuelle Entwicklung zeigt diesen Effekt, denn die Sorge vor anhaltender Inflation erhöht die Erwartungen weiterer Zinserhöhungen. Das wiederum stärkt den Dollar und macht verzinsliche Anlagen attraktiver.

Die Unsicherheit ist trotzdem nicht verschwunden

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Argumente für Gold plötzlich verschwunden wären, weil die geopolitischen Risiken bleiben erhöht und gleichzeitig bestehen weiterhin Unsicherheiten hinsichtlich Inflation, Staatsverschuldung und langfristiger Geldpolitik.

Genau diese Faktoren haben Gold in den vergangenen Monaten stark unterstützt. Allein im August stieg der Goldpreis um rund 13 Prozent und verzeichnete damit einen der stärksten Monate der vergangenen 25 Jahre. Der World Gold Council führte den Anstieg unter anderem auf starke Zuflüsse in Gold-ETFs, eine hohe Nachfrage institutioneller Anleger und einen zuvor schwächeren US-Dollar zurück.

Der aktuelle Rückgang muss deshalb auch im Zusammenhang mit der zuvor sehr starken Entwicklung gesehen werden, denn nach einem kräftigen Preisanstieg sind Gewinnmitnahmen und kurzfristige Gegenbewegungen nicht ungewöhnlich.

Gold befindet sich damit momentan in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite stehen geopolitische Unsicherheit und langfristige Nachfrage. Auf der anderen Seite stehen hohe Zinsen und ein starker Dollar.

Nicht ein Faktor entscheidet

Der aktuelle Goldpreis zeigt damit etwas, das auch für andere Anlageklassen gilt. An den Finanzmärkten reicht es selten aus, nur einen Faktor zu betrachten. 

Bei Gold könnte die Rechnung momentan vereinfacht so aussehen:

Unsicherheit → positiv

Inflationsrisiken → grundsätzlich positiv

höhere Zinsen → negativ

stärkerer US-Dollar → negativ

Gewinnmitnahmen nach starken Kursanstiegen → negativ

Welcher Faktor am Ende überwiegt, verändert sich ständig und genau deshalb kann Gold trotz hoher Unsicherheit fallen. Aber genauso kann Gold in anderen Marktphasen steigen, obwohl sich die geopolitische Lage verbessert.

Was bedeutet das für Anleger?

Für Anleger ist deshalb vor allem wichtig, welche Aufgabe Gold innerhalb eines Portfolios erfüllen soll.

Wer Gold ausschließlich deshalb kauft, weil er kurzfristig mit steigenden Preisen rechnet, behandelt es letztlich wie jede andere spekulative Anlage.

Die langfristige Rolle von Gold ist eine andere, denn Gold kann zur Diversifikation beitragen, weil sich sein Wert nicht ausschließlich aus Unternehmensgewinnen, Zinszahlungen oder der Bonität eines Schuldners ableitet.

Gleichzeitig bedeutet Diversifikation nicht, dass Gold in jeder Krise steigen muss, denn auch ein sicherer Hafen kann zwischenzeitlich deutlich schwanken.

Entscheidend ist deshalb weniger die Frage, ob Gold in einer einzelnen Woche zwei oder drei Prozent steigt oder fällt, sondern viel wichtiger ist die Frage, welche Funktion Gold im Gesamtportfolio erfüllen soll und welche anderen Anlageklassen damit kombiniert werden.

Gerade das derzeitige Umfeld zeigt, warum diese Unterscheidung wichtig ist. Hohe Unsicherheit unterstützt grundsätzlich die Nachfrage nach Gold. Gleichzeitig bieten Staatsanleihen wieder attraktive Renditen und ein stärkerer Dollar belastet den Goldpreis.

Fazit

Dass Gold derzeit fällt, obwohl die Unsicherheit hoch bleibt, ist kein Widerspruch. Gold reagiert nicht ausschließlich auf Krisen.

Der Preis entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren: geopolitische Risiken, Inflation, Zinsen, Währungen und Kapitalströme.

Momentan überwiegen kurzfristig vor allem zwei Faktoren:

Die Aussicht auf länger hohe beziehungsweise weiter steigende US-Zinsen erhöht die Attraktivität verzinslicher Anlagen. Gleichzeitig stärkt diese Entwicklung den US-Dollar und belastet damit zusätzlich den Goldpreis.

Die Unsicherheit ist deshalb nicht bedeutungslos geworden, sie trifft lediglich auf starke Gegenkräfte.

Für Anleger ist genau das die entscheidende Erkenntnis.  Gold ist nicht automatisch eine Wette auf steigende Unsicherheit, sondern seine Entwicklung hängt davon ab, wie Unsicherheit, Inflation, Zinsen und Währungen zusammenspielen.

Aktuell haben eben Zinsen und Dollar zumindest kurzfristig das stärkere Gewicht.

Hinweis: Die hier dargestellten Inhalte dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar.

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