Öl ist mehr als nur ein Rohstoff
Wenn der Ölpreis steigt, verteuert sich zunächst direkt die Energie. Benzin, Diesel und Heizkosten werden teurer. Gleichzeitig steigen für viele Unternehmen die Kosten für Transport, Produktion und Logistik.
Der Effekt kann sich damit durch die gesamte Wirtschaft ziehen.
Unternehmen versuchen, höhere Kosten weiterzugeben. Konsumenten haben gleichzeitig weniger Kaufkraft zur Verfügung. Aus einem zunächst begrenzten Energiepreisschock kann dadurch ein breiterer Inflationsimpuls entstehen.
Genau diese Entwicklung beobachten die Notenbanken derzeit besonders aufmerksam.
Die Inflation im Euroraum lag im August bei 3,3 Prozent und damit deutlich über dem Ziel der EZB von zwei Prozent. Die EZB hat ihre Prognose für die durchschnittliche Inflation 2026 auf 3,0 Prozent angehoben. Auch für 2027 erwartet sie mit 2,5 Prozent weiterhin eine Inflationsrate über ihrem Ziel.
Warum die EZB jetzt gegensteuert
Die Zinserhöhung der EZB zeigt, wie stark sich das Umfeld verändert hat.
Noch vor wenigen Monaten standen mögliche Zinssenkungen und eine weitere Lockerung der Geldpolitik im Mittelpunkt der Diskussion. Jetzt geht es wieder um die Frage, wie lange die Zinsen erhöht bleiben müssen und ob weitere Schritte notwendig werden.
Der Grund dafür liegt vor allem im veränderten Inflationsausblick.
Steigende Energiepreise erhöhen den unmittelbaren Preisdruck. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass höhere Energie- und Transportkosten nach und nach auf andere Güter und Dienstleistungen übertragen werden.
Noch ist genau dieser zweite Effekt begrenzt. Die Kerninflation hat sich zuletzt sogar abgeschwächt. Das spricht dafür, dass wir es bislang nicht mit einer breit angelegten Inflationswelle wie 2022 zu tun haben. Gleichzeitig warnt die EZB vor einem länger anhaltenden Inflationsdruck.
Damit wird der Ölpreis zu einem wichtigen Faktor für die weitere Geldpolitik.
Der schwierige Zielkonflikt
Für die Notenbank ist die aktuelle Situation besonders unangenehm.
Ein hoher Ölpreis belastet die Wirtschaft, weil Verbraucher mehr für Energie ausgeben müssen und Unternehmen mit höheren Kosten konfrontiert werden. Eigentlich würde eine schwächere Wirtschaft für niedrigere Zinsen sprechen.
Gleichzeitig erhöht ein steigender Ölpreis die Inflation. Das spricht wiederum für eine restriktivere Geldpolitik.
Die EZB befindet sich damit in einem klassischen Zielkonflikt: Wirtschaftlich könnte weniger Druck auf die Zinsen wünschenswert sein, inflationsseitig spricht derzeit jedoch einiges für Vorsicht.
Genau deshalb ist die Entwicklung des Ölpreises für die Geldpolitik derzeit so wichtig.
Warum steigende Zinsen für Aktien relevant sind
Für die Aktienmärkte ist dabei nicht der Ölpreis allein entscheidend.
Viel wichtiger ist die Kette dahinter:
Ölpreis → Inflation → Zinsen → Bewertungen → Unternehmensgewinne
Steigende Zinsen verändern zunächst die Bewertung von Aktien. Künftige Gewinne werden mit einem höheren Zinssatz abdiskontiert. Je weiter diese Gewinne in der Zukunft liegen, desto stärker kann dieser Effekt ausfallen.
Besonders empfindlich reagieren deshalb häufig hoch bewertete Wachstumsunternehmen.
Hinzu kommt die Gewinnseite. Höhere Energiepreise können die Margen von Unternehmen belasten, wenn die gestiegenen Kosten nicht vollständig an die Kunden weitergegeben werden können. Gleichzeitig können höhere Lebenshaltungskosten die Kaufkraft der Konsumenten schwächen.
Steigende Ölpreise können damit an zwei Stellen Druck erzeugen: bei den Kosten der Unternehmen und bei der Nachfrage der Konsumenten.
Der entscheidende Punkt ist die Dauer
Trotzdem wäre es falsch, jeden Anstieg des Ölpreises als neues Inflationsproblem zu interpretieren.
Entscheidend ist nicht nur, wie hoch der Ölpreis steigt, sondern wie lange er hoch bleibt.
Ein kurzfristiger Preissprung kann von Unternehmen und Konsumenten teilweise absorbiert werden. Bleiben die Energiepreise dagegen über längere Zeit auf einem hohen Niveau, steigt das Risiko, dass sich der Preisdruck breiter in der Wirtschaft festsetzt.
Genau hier liegt der Unterschied zur aktuellen Situation im Vergleich zu einem klassischen Ölpreisschock.
Die EZB geht derzeit davon aus, dass die höheren Energiepreise die Inflation länger beeinflussen werden. Gleichzeitig sind die zugrunde liegenden Preisdynamiken bislang deutlich weniger problematisch als während der Inflationsphase 2022.
Für die Märkte bedeutet das: Der Ölpreis bleibt ein wichtiger Frühindikator. Entscheidend wird sein, ob sich aus dem Energiepreisanstieg ein dauerhafter Inflationsimpuls entwickelt.
Was bedeutet das für Anleger?
Für Anleger bedeutet die aktuelle Entwicklung vor allem eines: Der Blick sollte nicht nur auf einzelne Marktbewegungen gerichtet sein.
Die entscheidende Frage ist, wie sich die verschiedenen Faktoren gegenseitig beeinflussen.
Steigt der Ölpreis weiter, bleibt die Inflation möglicherweise länger erhöht. Bleibt die Inflation hoch, hat die EZB weniger Spielraum für Zinssenkungen. Bleiben die Zinsen hoch, geraten insbesondere hoch bewertete Aktien stärker unter Bewertungsdruck.
Gleichzeitig profitieren nicht alle Unternehmen gleich stark von dieser Entwicklung.
Energieunternehmen können von höheren Ölpreisen profitieren, während energieintensive Branchen stärker unter steigenden Kosten leiden. Bei Unternehmen mit hoher Bewertung und weit in der Zukunft liegenden Gewinnerwartungen spielt dagegen vor allem das Zinsniveau eine wichtige Rolle.
Auch Anleihen verdienen in diesem Umfeld besondere Aufmerksamkeit. Steigende Renditen belasten zwar bestehende Anleihen kurzfristig, gleichzeitig werden neu investierte Anleihen für Anleger wieder attraktiver.
Fazit
Der steigende Ölpreis ist nicht deshalb problematisch, weil Öl über 100 Dollar kostet.
Problematisch wird die Entwicklung dann, wenn aus einem Energiepreisschock ein dauerhafter Inflationsimpuls entsteht und die Notenbanken deshalb gezwungen sind, die Zinsen länger hoch zu halten oder sogar weiter anzuheben.
Genau diese Kombination macht die aktuelle Situation interessant.
Die EZB hat gerade gezeigt, dass die Inflationsrisiken wieder stärker in den Fokus rücken. Gleichzeitig sorgt der hohe Ölpreis für zusätzlichen Gegenwind.
Für Anleger bedeutet das: Nicht nur auf den Ölpreis schauen, sondern auf das Zusammenspiel von Energie, Inflation, Zinsen und Bewertungen.
Denn an der Börse ist selten ein einzelner Faktor entscheidend. Entscheidend ist das Zusammenspiel.
Hinweis: Die hier dargestellten Inhalte dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar.
