„Sell in May“ und die Realität dahinter

Mit dem Monatswechsel taucht eine der bekanntesten Börsenweisheiten wieder auf: „Sell in May and go away“.

Die Idee dahinter ist schnell erklärt: Die Monate von Mai bis Oktober hätten historisch schwächere Renditen als der Rest des Jahres geliefert. Tatsächlich findet sich dieser Effekt auch in langen Datenreihen wieder, zumindest im Durchschnitt.

Das Problem beginnt aber genau dort, wo aus einer Beobachtung eine Regel gemacht wird.

Grafik eines Auges im Corporate Design von W&L Asset Management als Symbol für den Finanzblog "Marktblick"

Ein Durchschnitt ist kein verlässliches Signal

Dass ein Zeitraum im Schnitt schwächer ist, bedeutet nicht, dass er regelmäßig schwach ist. Gerade die Monate von Mai bis Oktober waren in den vergangenen Jahren keineswegs durchgehend negativ. Im Gegenteil, denn in vielen Marktphasen waren sie stabil oder sogar klar positiv.

Das liegt daran, dass der Durchschnitt aus sehr unterschiedlichen Regimen entsteht – Krisenjahren, starken Bullenmärkten, geldpolitischen Wendepunkten und ruhigen Phasen. Diese Mischung erzeugt eine statistische Tendenz, aber kein handelbares Muster.

Warum die Regel trotzdem so beliebt ist

„Sell in May“ ist einfach, intuitiv und gut zu merken. In einem komplexen Marktumfeld wirkt das beruhigend.

Viele nehmen die Regel zudem wörtlich und verkaufen einmal, Thema erledigt.

Doch genau hier entsteht ein Denkfehler. Die Märkte „wissen“ nichts vom Kalender. Und noch wichtiger ist der punkt: Wer im Mai aussteigt, muss irgendwann wieder zurückkommen – oft genau dann, wenn die Bewegungen bereits gelaufen sind. Der zweite Teil der Gleichung wird häufig unterschätzt: „but remember to come back in September“.

Timing-Regeln funktionieren nur dann, wenn beide Entscheidungen, also raus und wieder rein, konsequent und richtig getroffen werden. Genau das ist in der Praxis der schwierigste Teil.

Wenn die Regel passt, und wenn nicht

Es gibt durchaus Phasen, in denen saisonale Muster sichtbar werden. Etwa in Jahren mit schwächerer Liquidität, restriktiver Geldpolitik oder erhöhter Unsicherheit.

Dann können Sommermonate tatsächlich anspruchsvoller verlaufen.

Genauso gibt es aber viele Jahre, in denen genau das Gegenteil passiert. Gerade starke Trends, positive Gewinnentwicklung oder unterstützende Rahmenbedingungen führen dazu, dass gerade die Monate ab Mai solide oder sogar sehr gute Renditen liefern.

Der entscheidende Punkt ist daher, dass die Regel nicht die Bewegung erklärt, sie beschreibt nur den Durchschnitt vieler sehr unterschiedlicher Marktphasen.

Der eigentliche Denkfehler

Das Problem liegt weniger in der Statistik selbst, sondern in ihrer Interpretation.

„Sell in May“ wird oft als Strategie verstanden, obwohl es lediglich eine historische Beobachtung ist. Damit wird aus einem Durchschnitt ein Timing-Ansatz gemacht und genau das ist an Märkten selten zuverlässig.

Denn Märkte werden nicht durch Monate gesteuert, sondern durch Liquidität, Wachstum, Inflation und Erwartungen.

Was bedeutet das für Anleger?

Für Anleger ist daher weniger entscheidend, ob der saisonale Effekt existiert, sondern ob er im aktuellen Umfeld überhaupt relevant ist.

Ein strukturierter Investmentansatz orientiert sich nicht an Kalenderlogik, sondern an Fundamentaldaten, Bewertungen und Risikoprämien.

Saisonalität kann ein interessanter Kontext sein, aber keine Entscheidungsgrundlage.

Fazit

„Sell in May“ ist keine falsche Beobachtung, aber eine oft überschätzte Regel. Häufig wird dabei auch der zweite Teil vergessen: „but remember to come back in September“.

Sie funktioniert manchmal, aber nicht konsistent genug, um daraus eine verlässliche Strategie abzuleiten.

Und vor allem blendet sie einen entscheidenden Punkt aus. Märkte enden nicht im Mai und beginnen nicht im September!

Sie bewegen sich durchgehend und unabhängig vom Kalender.

Hinweis: Die hier dargestellten Inhalte dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar.

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