Ein außergewöhnlich starkes Gewinnjahr
Das Gewinnwachstum 2026 fällt nicht nur hoch aus, sondern ist auch ungewöhnlich breit abgestützt.
Für alle elf Sektoren des S&P 500 wird in diesem Jahr ein Gewinnanstieg erwartet. Besonders stark tragen Technologieunternehmen, Kommunikationswerte und Unternehmen aus dem Energiesektor zum Wachstum bei.
Auch die jüngsten Gewinnschätzungen zeigen bislang kaum Anzeichen einer deutlichen Abschwächung.
Normalerweise reduzieren Analysten ihre Erwartungen im Verlauf eines Quartals. Zwischen Ende Juni und Ende August wurden die Gewinnschätzungen für das dritte Quartal diesmal jedoch um 1,2 Prozent angehoben. Im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre wurden sie im gleichen Zeitraum dagegen um 1,7 Prozent reduziert.
Die Unternehmen liefern damit bislang mehr, als viele Anleger zu Jahresbeginn erwartet hatten.
Doch genau darin liegt inzwischen auch das Problem, denn je höher die Gewinne bereits gestiegen sind, desto schwieriger wird es, diese Wachstumsraten im kommenden Jahr erneut zu erreichen.
Langsameres Wachstum bedeutet nicht fallende Gewinne
An der Börse wird eine Verlangsamung des Gewinnwachstums häufig mit sinkenden Gewinnen verwechselt. Das ist jedoch nicht dasselbe.
Ein Unternehmen verdient 100 Millionen Euro und im nächsten Jahr steigt der Gewinn um 35 Prozent auf 135 Millionen Euro. Steigt der Gewinn im darauffolgenden Jahr nochmals um 15 Prozent, erhöht er sich auf rund 155 Millionen Euro. Der Gewinn erreicht damit einen neuen Höchststand und trotzdem ist die Wachstumsrate deutlich gefallen.
Genau eine solche Entwicklung erwarten Analysten derzeit für den S&P 500.
Nach einem erwarteten Gewinnanstieg von rund 35 Prozent im Jahr 2026 wird für 2027 derzeit ein Wachstum von etwa 15 Prozent prognostiziert. Das wäre historisch betrachtet weiterhin ein starkes Ergebnis (der langfristige Median liegt bei ungefähr zehn Prozent). Das Problem liegt deshalb nicht zwingend in fallenden Gewinnen, sondern an den Erwartungen.
An der Börse zählt nicht nur, ob Gewinne steigen
Aktienkurse reagieren nicht ausschließlich darauf, ob ein Unternehmen mehr verdient als im Vorjahr. Entscheidend ist auch, was Anleger bereits erwarten.
Wenn ein Unternehmen über mehrere Jahre sehr hohe Wachstumsraten erzielt, kann der Aktienkurs diese Entwicklung bereits vorwegnehmen.
Dann reicht es irgendwann nicht mehr, einfach nur gute Ergebnisse zu erzielen, denn die Ergebnisse müssen mindestens so gut ausfallen wie erwartet.
Ein Unternehmen kann deshalb seinen Gewinn um 15 Prozent steigern und trotzdem einen fallenden Aktienkurs erleben, wenn der Markt zuvor mit 25 Prozent gerechnet hat.
Umgekehrt kann ein Gewinnrückgang von fünf Prozent positiv aufgenommen werden, wenn zuvor ein Rückgang von 15 Prozent erwartet wurde.
An der Börse geht es damit immer um zwei Dinge: die tatsächliche Entwicklung der Gewinne und die Erwartungen, die bereits im Aktienkurs enthalten sind.
Gerade nach einem außergewöhnlich starken Gewinnjahr wird dieser Unterschied wichtiger.
Ein großer Teil des Wachstums kommt aus dem KI-Boom
Eine wesentliche Rolle für die derzeitige Gewinnentwicklung spielen die enormen Investitionen in künstliche Intelligenz. Große Technologieunternehmen investieren Milliarden in Rechenzentren, Chips, Stromversorgung und digitale Infrastruktur.
Fünf der größten sogenannten Hyperscaler dürften nach Schätzungen von Goldman Sachs allein 2026 etwas mehr als 800 Milliarden US-Dollar investieren. Für 2027 werden bereits rund 1,1 Billionen US-Dollar erwartet. Diese Investitionen erzeugen Umsätze und Gewinne bei zahlreichen Unternehmen.
Halbleiterhersteller profitieren von der Nachfrage nach Hochleistungschips.
Anbieter von Rechenzentren benötigen Server, Netzwerktechnik und Stromversorgung.
Energieunternehmen und Netzbetreiber profitieren vom steigenden Strombedarf.
Software- und Technologieunternehmen entwickeln wiederum Anwendungen, die auf dieser Infrastruktur aufbauen.
Der KI-Boom wirkt damit inzwischen weit über einzelne Technologieunternehmen hinaus. Ein Teil des außergewöhnlich starken Gewinnwachstums 2026 ist eben genau auf diesen Investitionszyklus zurückzuführen.
Entscheidend ist nicht nur die Höhe der Investitionen
Für Anleger wird deshalb zunehmend die Frage wichtig, wie rentabel sind diese Investitionen tatsächlich sind.
Dass Unternehmen Milliarden in künstliche Intelligenz investieren, ist zunächst positiv für jene Unternehmen, die Chips, Rechenzentren und Infrastruktur liefern, langfristig müssen jedoch auch die Unternehmen, die diese Investitionen tätigen, einen entsprechenden wirtschaftlichen Nutzen daraus erzielen.
Genau hier dürfte sich in den kommenden Jahren stärker unterscheiden, welche Geschäftsmodelle tatsächlich profitieren, denn hohe Investitionen allein schaffen noch keinen dauerhaften Unternehmenswert. Entscheidend ist, ob daraus zusätzliche Umsätze, höhere Margen oder nachhaltige Wettbewerbsvorteile entstehen.
Genau damit verschiebt sich die Diskussion langsam, weil bisher lautete die Frage vor allem immer wieviel in KI investiert wird. Künftig dürfte sie zunehmend lauten, was die Unternehmen mit diesen Investitionen verdienen.
Auch die Wachstumsrate der Investitionen wird sinken
Dabei gibt es einen wichtigen mathematischen Effekt. Die Investitionen in KI-Infrastruktur steigen weiterhin deutlich, wobei sich die Wachstumsrate jedoch verlangsamen dürften.
Für 2026 wird bei den großen Hyperscalern nahezu eine Verdoppelung der Investitionen erwartet. 2027 sollen die Ausgaben zwar nochmals kräftig steigen, aber nur noch um rund 37 Prozent.
Auch hier gilt: Weniger Wachstum bedeutet nicht weniger Investitionen, denn die absoluten Ausgaben steigen weiter, aber der zusätzliche Wachstumsimpuls wird geringer.
Für Unternehmen, deren Gewinne besonders stark von diesem Investitionsboom abhängen, kann genau das relevant werden, weil an der Börse wird häufig nicht das absolute Niveau bewertet, sondern die Veränderung des Wachstums.
Höhere Zinsen treffen irgendwann auch die Gewinne
Hinzu kommt ein zweiter Faktor. Die außergewöhnlich starke Gewinnentwicklung findet inzwischen in einem deutlich höheren Zinsumfeld statt.
US-Staatsanleihen mit Laufzeiten von drei bis 30 Jahren rentieren inzwischen mit mehr als fünf Prozent. Gleichzeitig hat die US-Notenbank ihre Geldpolitik wieder gestrafft. Bislang scheint die amerikanische Wirtschaft diese höheren Finanzierungskosten erstaunlich gut zu verkraften, doch Zinserhöhungen wirken häufig mit Verzögerung.
Unternehmen müssen bestehende Schulden irgendwann refinanzieren und Konsumenten zahlen höhere Zinsen für Kredite und Hypotheken. Investitionsprojekte müssen höhere Renditen erwirtschaften, damit sie sich weiterhin lohnen.
Je länger das Zinsniveau hoch bleibt, desto größer wird deshalb die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwann auch die Unternehmensgewinne beeinflusst.
Der Konsument bleibt ein wichtiger Faktor
Neben den Investitionen der Unternehmen spielt auch der private Konsum eine entscheidende Rolle. Der amerikanische Konsument hat sich bislang robuster gezeigt als vielfach erwartet. Doch auch hier wirken höhere Zinsen, gestiegene Energiepreise und höhere Lebenshaltungskosten.
Sollten Haushalte ihre Ausgaben stärker einschränken, würde dies insbesondere Unternehmen treffen, die stark vom Konsum abhängig sind. Damit gibt es mehrere mögliche Bremsfaktoren für das Gewinnwachstum: höhere Finanzierungskosten, eine Abschwächung des Konsums, langsamer wachsende KI-Investitionen, steigende Kosten und zunehmend anspruchsvolle Vergleichswerte aus dem Vorjahr.
Keiner dieser Faktoren bedeutet automatisch, dass die Gewinne fallen müssen. Sie können jedoch dazu führen, dass die außergewöhnlich hohen Wachstumsraten 2026 nicht dauerhaft fortgeschrieben werden können.
Gute Unternehmen können trotzdem weiter wachsen
Für Anleger ist deshalb eine Unterscheidung wichtig. Eine Abschwächung des allgemeinen Gewinnwachstums bedeutet nicht, dass alle Unternehmen gleichermaßen betroffen sind.
Unternehmen mit strukturellem Wachstum können ihre Gewinne weiterhin deutlich steigern. Andere profitieren von Preissetzungsmacht, hohen Margen oder langfristigen Wettbewerbsvorteilen und wieder andere sind stark abhängig von Konjunktur, Rohstoffpreisen oder Investitionszyklen.
Gerade wenn sich das allgemeine Gewinnwachstum verlangsamt, kann die Qualität einzelner Unternehmen deshalb wichtiger werden. Denn in einer Phase, in der fast alle Gewinne stark steigen, ist es vergleichsweise einfach, Wachstum zu zeigen.
Schwieriger wird es, wenn der Rückenwind schwächer wird, weil dann zeigt sich, welche Unternehmen tatsächlich aus eigener Kraft wachsen können.
Was bedeutet das für Anleger?
Für Anleger sollte deshalb nicht nur die Frage entscheidend sein, ob ein Unternehmen aktuell hohe Gewinne erzielt. sondern wichtiger ist, wie nachhaltig diese Gewinne sind.
-Wie stark hängt das Wachstum von einem einzelnen Investitionszyklus ab?
-Welche Margen erzielt das Unternehmen?
-Wie hoch sind die notwendigen Investitionen?
-Wie viel freier Cashflow bleibt tatsächlich übrig?
-Wie hoch ist die Verschuldung?
-Und welche zukünftigen Wachstumsraten sind bereits im Aktienkurs enthalten?
Gerade der letzte Punkt ist entscheidend, denn ein hervorragendes Unternehmen kann eine enttäuschende Anlage sein, wenn der Preis bereits jahrelanges außergewöhnliches Wachstum voraussetzt. Umgekehrt kann ein Unternehmen mit moderaterem Wachstum attraktiv sein, wenn die Erwartungen niedrig genug sind.
Damit wird die Gewinnsaison der kommenden Quartale besonders interessant. Nicht weil ein Einbruch der Unternehmensgewinne erwartet wird. Sondern weil sich zeigen wird, wie viel des außergewöhnlichen Wachstums von 2026 nachhaltig ist.
Fazit
Die Gewinne der amerikanischen Unternehmen steigen derzeit außergewöhnlich stark.
Für den S&P 500 wird 2026 ein Gewinnwachstum von mehr als 35 Prozent erwartet. Für 2027 rechnen Analysten weiterhin mit steigenden Gewinnen, allerdings nur noch mit ungefähr 15 Prozent Wachstum.
Das wäre immer noch ein starkes Ergebnis, doch an der Börse zählt nicht nur das absolute Gewinnniveau. Entscheidend ist auch die Geschwindigkeit des Wachstums und vor allem die Frage, welche Erwartungen bereits in den Aktienkursen enthalten sind.
2026 profitieren die Unternehmen von einer robusten Wirtschaft, hohen Investitionen und insbesondere dem außergewöhnlichen Ausbau der KI-Infrastruktur.
Die entscheidende Frage für 2027 wird sein, wie nachhaltig dieser Rückenwind ist, denn hohe Gewinne können Aktienkurse tragen. Aber je höher die Erwartungen steigen, desto schwieriger wird es, sie immer wieder zu übertreffen.
Für Anleger dürfte deshalb zunehmend weniger entscheidend sein, welche Unternehmen zuletzt die höchsten Wachstumsraten gezeigt haben. Interessanter wird die Frage, welche Unternehmen ihre Gewinne auch dann weiter steigern können, wenn der allgemeine Rückenwind schwächer wird.
Hinweis: Die hier dargestellten Inhalte dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar.
