Blasen platzen nicht wegen hoher Bewertungen

Sobald die Aktienmärkte neue Höchststände erreichen, dauert es meist nicht lange, bis die ersten Warnungen vor einer Blase auftauchen. Hohe Bewertungen, starke Kursanstiege und zunehmender Optimismus werden dann häufig als Vorboten eines bevorstehenden Crashs interpretiert.

Besonders in den vergangenen Monaten ist diese Diskussion wieder lauter geworden. Die starke Entwicklung vieler Technologie- und KI-Unternehmen erinnert manche Investoren an frühere Marktphasen, in denen Euphorie schließlich in Ernüchterung umschlug.

Doch bei aller Aufmerksamkeit für Bewertungen wird ein wichtiger Punkt oft übersehen: Hohe Bewertungen allein lassen eine Blase nicht platzen.

Grafik eines Auges im Corporate Design von W&L Asset Management als Symbol für den Finanzblog "Marktblick"

Teuer bedeutet nicht automatisch gefährlich

Viele Anleger gehen davon aus, dass eine Aktie oder ein Markt zwangsläufig fallen muss, sobald die Bewertungen ein bestimmtes Niveau erreichen. Die Börsengeschichte zeigt jedoch, dass die Realität deutlich komplexer ist.

Märkte können über Jahre hinweg teuer erscheinen und trotzdem weiter steigen. Der Grund dafür liegt in den Erwartungen. Aktienkurse spiegeln nicht die Gegenwart wider, sondern die Zukunft und solange Investoren davon überzeugt sind, dass Unternehmen ihre Gewinne in den kommenden Jahren stark steigern können, sind sie bereit, hohe Bewertungen zu akzeptieren.

Deshalb ist eine hohe Bewertung allein selten der Auslöser einer Krise. Sie macht einen Markt anfälliger, löst den Kursrückgang aber nicht automatisch aus.

Der eigentliche Auslöser ist fast immer derselbe

Rückblickend zeigt sich bei vielen bekannten Blasen ein ähnliches Muster.

Nicht die hohen Bewertungen selbst führten zum Einbruch. Entscheidend war vielmehr, dass die Erwartungen irgendwann nicht mehr erfüllt werden konnten.

Während der Dotcom-Blase Ende der 1990er-Jahre glaubten Investoren, dass das Internet nahezu jedes Geschäftsmodell revolutionieren würde. Diese Grundannahme war nicht falsch. Tatsächlich hat das Internet die Wirtschaft nachhaltig verändert. Das Problem war jedoch, dass viele Unternehmen die enormen Erwartungen nicht erfüllen konnten. Zahlreiche Geschäftsmodelle erwiesen sich als nicht tragfähig, Gewinne blieben aus und Investoren begannen, ihre Annahmen zu hinterfragen.

Ähnlich verlief es bei vielen anderen Marktübertreibungen der Vergangenheit. Irgendwann kollidierte die Realität mit den Erwartungen. Genau in diesem Moment begann das Vertrauen zu bröckeln und wenn Erwartungen fallen, müssen Bewertungen neu berechnet werden.

Warum die aktuelle Diskussion so interessant ist

Genau deshalb lohnt sich auch heute ein differenzierter Blick auf die Märkte.

Die Frage, ob Aktien teuer sind, ist relativ leicht zu beantworten, denn in vielen Bereichen sind die Bewertungen hoch. Viel schwieriger ist die Frage, ob die zugrunde liegenden Erwartungen realistisch sind.

Vor allem im Bereich der künstlichen Intelligenz fließen derzeit enorme Summen in Infrastruktur, Rechenzentren, Software und Halbleiter. Unternehmen investieren hunderte Milliarden Dollar in die Hoffnung auf höhere Produktivität und neue Geschäftsmodelle.

Bislang sprechen viele Zahlen dafür, dass diese Entwicklung reale wirtschaftliche Auswirkungen hat, denn die Nachfrage nach Rechenleistung steigt, die Umsätze wachsen und zahlreiche Unternehmen erzielen bereits heute erhebliche Gewinne.

Das unterscheidet die aktuelle Situation von vielen früheren Spekulationsphasen, doch gleichzeitig gilt aber, je größer die Erwartungen werden, desto weniger Spielraum bleibt für Enttäuschungen.

Wenn Unternehmen die hohen Erwartungen erfüllen, können selbst ambitionierte Bewertungen über längere Zeit Bestand haben. Wenn die tatsächlichen Ergebnisse jedoch hinter den Erwartungen zurückbleiben, kann die Neubewertung umso schmerzhafter ausfallen.

Die Rolle von Zinsen und Liquidität

Zusätzlich kommt mit dem Finanzierungsumfeld ein Faktor hinzu, der in fast jeder größeren Marktkorrektur eine wichtige Rolle spielt.

Viele Blasen platzen nicht nur wegen enttäuschter Erwartungen, sondern auch deshalb, weil sich die Rahmenbedingungen verändern.

Steigende Zinsen, sinkende Liquidität oder ein schwächeres Wirtschaftswachstum führen dazu, dass Investoren vorsichtiger werden. Die Bereitschaft, hohe Bewertungen für zukünftige Gewinne zu bezahlen, nimmt ab.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick nicht nur auf einzelne Unternehmen, sondern auch auf das Umfeld, in dem sie operieren.

Selbst die beste Wachstumsgeschichte kann unter Druck geraten, wenn sich die finanziellen Rahmenbedingungen deutlich verschlechtern.

Was bedeutet das für Anleger?

Für Investoren ergibt sich daraus eine wichtige Erkenntnis.

Nicht jede Euphorie ist automatisch ein Verkaufssignal. Ebenso wenig bedeutet eine hohe Bewertung zwangsläufig, dass ein Crash unmittelbar bevorsteht.

Entscheidend ist vielmehr, ob die Erwartungen realistisch bleiben und ob Unternehmen in der Lage sind, die versprochenen Ergebnisse tatsächlich zu liefern.

Anleger sollten deshalb weniger Zeit damit verbringen, über den genauen Zeitpunkt einer möglichen Blase zu spekulieren. Sinnvoller ist es, die Fundamentaldaten im Blick zu behalten und zu beobachten, ob sich die zugrunde liegende Investmentthese weiter bestätigt.

Denn die größten Risiken entstehen oft nicht dann, wenn eine Blase erkannt wird, sondern dann, wenn sich die Erwartungen plötzlich verändern.

Fazit

Blasen platzen selten allein wegen hoher Bewertungen.

Bewertungen können über lange Zeiträume hoch bleiben, solange Investoren an die zugrunde liegende Geschichte glauben und Unternehmen die Erwartungen erfüllen.

Gefährlich wird es erst dann, wenn die Realität beginnt, hinter diesen Erwartungen zurückzubleiben oder sich das Umfeld so verändert, dass hohe Bewertungen nicht mehr gerechtfertigt erscheinen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob ein Markt teuer ist, sondern, ob die Erwartungen, die heute eingepreist sind, auch morgen noch glaubwürdig wirken.

Denn nicht hohe Bewertungen beenden eine Rallye, es ist vielmehr der Moment, in dem der Markt aufhört, an die Geschichte dahinter zu glauben.

Hinweis: Die hier dargestellten Inhalte dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar.

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