Prognosen verlocken – Prozesse liefern

Zu Beginn eines neuen Jahres haben Prognosen Hochkonjunktur. Ob Zinsen, Inflation, Aktienmärkte, einzelne Regionen oder Themen – für nahezu jede Variable existieren scheinbar klare Erwartungen. Viele Anleger verfolgen diese Einschätzungen aufmerksam und leiten daraus konkrete Entscheidungen ab. Und doch zeigt die Erfahrung Jahr für Jahr: Prognosen liefern selten den entscheidenden Mehrwert für den langfristigen Anlageerfolg. Was hingegen häufig unterschätzt wird, ist die Qualität des zugrunde liegenden Investmentprozesses.

Grafik eines Auges im Corporate Design von W&L Asset Management als Symbol für den Finanzblog "Marktblick"

Die Illusion der Vorhersehbarkeit

Finanzmärkte sind komplexe Systeme. Sie werden von wirtschaftlichen Kennzahlen, geldpolitischen Entscheidungen, geopolitischen Ereignissen, Unternehmensgewinnen und nicht zuletzt vom menschlichen Verhalten beeinflusst. Diese Faktoren wirken nicht linear, nicht isoliert und oft überraschend zusammen. Trotzdem neigen wir dazu, klare Erwartungen zu formulieren. Eine präzise Zahl – etwa für einen Indexstand oder einen Zinssatz – vermittelt Sicherheit und suggeriert Kontrolle in einer grundsätzlich unsicheren Welt. Das zentrale Problem dabei: Selbst gut begründete Prognosen liegen häufig daneben. Nicht, weil sie schlecht gemacht sind, sondern weil die Realität komplexer ist als jedes Modell.

Prognosen sind Meinungen – keine Strategie

Prognosen können wertvolle Denkanstöße liefern und helfen, mögliche Szenarien zu strukturieren. Was sie jedoch nicht leisten können, ist die verlässliche Steuerung eines Vermögens. Wer Portfolios primär auf Basis von Jahresprognosen ausrichtet, geht implizit davon aus, dass ein bestimmtes Szenario eintritt, der Zeitpunkt richtig gewählt wird und die Märkte rational reagieren. Diese Annahmen treffen in der Praxis jedoch nur selten gleichzeitig zu. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob eine Prognose richtig oder falsch ist, sondern wie Anleger darauf reagieren: Häufig entsteht der Schaden durch Aktionismus, durch hektisches Umschichten, spätes Hinterherlaufen oder das Verwechseln von Marktrauschen mit echten Signalen. Eine Anlagestrategie, die stark auf Prognosen aufbaut, ist daher zwangsläufig fragil.

Struktur ist kontrollierbar – Prognosen nicht

Während Prognosen außerhalb unserer Kontrolle liegen, gibt es zentrale Faktoren, die Anleger sehr wohl beeinflussen können: die Risikostruktur des Portfolios, eine breite Diversifikation über Anlageklassen und Regionen, Kosten und Effizienz sowie Disziplin im Entscheidungsprozess – insbesondere in volatilen Marktphasen. Diese Elemente entscheiden langfristig über den Erfolg, unabhängig davon, ob einzelne Prognosen eintreffen oder nicht. Wer hier sauber arbeitet, reduziert die Abhängigkeit von „Treffern“ und erhöht die Robustheit des Gesamtvermögens.

Der Wert eines klaren Investmentprozesses

Ein robuster Investmentprozess ersetzt keine Prognose – er macht sie weitgehend überflüssig. Er beantwortet nicht die Frage „Was wird der Markt dieses Jahr tun?“, sondern „Wie ist das Portfolio auf unterschiedliche Entwicklungen vorbereitet?“ Ein professioneller Prozess beginnt mit klaren Zielen hinsichtlich Rendite, Risiko und Liquidität, übersetzt diese in eine strategische Vermögensaufteilung und verhindert, dass Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen werden. Dazu gehören regelbasiertes Rebalancing, laufende Risikoüberwachung und ein bewusster Umgang mit Unsicherheit. Der Fokus liegt nicht auf dem „richtigen Szenario“, sondern auf der Widerstandsfähigkeit des Gesamtvermögens.

Prozesse wirken leise – Prognosen wirken laut

Ein weiterer Grund für die Beliebtheit von Prognosen liegt in ihrer Wirkung nach außen. Klare Meinungen lassen sich einfach kommunizieren, medial verwerten und emotional aufladen. Prozesse hingegen wirken unspektakulär. Sie erzeugen keine Schlagzeilen und selten kurzfristige Begeisterung. Ihr Mehrwert zeigt sich nicht in einzelnen Monaten, sondern über Jahre hinweg. Genau deshalb werden sie häufig unterschätzt – obwohl sie in der Praxis den größeren Unterschied machen.

Warum Disziplin schwerer ist als Meinung

Eine Meinung zu haben, ist einfach. An einem Prozess festzuhalten, ist deutlich anspruchsvoller – insbesondere in Phasen erhöhter Unsicherheit. Disziplin bedeutet, nicht jedem Marktrauschen zu folgen, Entscheidungen weder aus Angst noch aus Euphorie zu treffen und auch dann ruhig zu bleiben, wenn andere hektisch reagieren. Diese Form der Disziplin zählt zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren in der Vermögensverwaltung – und zugleich zu den seltensten.

Fazit: Weniger Vorhersagen, mehr Struktur

Der Jahresanfang lädt dazu ein, nach vorne zu blicken. Das ist sinnvoll. Entscheidend ist jedoch, wie dieser Blick gestaltet wird. Anstatt sich auf Prognosen zu verlassen, lohnt es sich, die eigenen Prozesse kritisch zu hinterfragen: Ist die Anlagestruktur noch passend? Sind Risiken bewusst gewählt oder zufällig entstanden? Gibt es klare Regeln für Entscheidungen – gerade dann, wenn es ungemütlich wird? Langfristiger Anlageerfolg entsteht nicht durch die richtige Meinung zur richtigen Zeit, sondern durch einen klaren, konsistenten und disziplinierten Umgang mit Unsicherheit. Gerade in einem Umfeld, das von schnellen Meinungen geprägt ist, bleibt eines zeitlos: Struktur schlägt Prognose.

 

Hinweis: Die hier dargestellten Inhalte dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar.

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